Forschungsprojekte an der Uni Augsburg

 


 

 

 

Lehre

Lehrveranstaltungen von Stefan Lindl auf der Seite der Universität Augsburg:

Lehrveranstaltungen

 

Digitale Universität der Zukunft 

Digitale Universität und akademische Parrhesia - Lehrmanifest des digitalen Lernens und offenen Sprechens

 


 

 

 

Forschungsprojekte an der Universität Augsburg

am Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte

 

Projekte in Forschung und Lehre von Stefan Lindl

 

1. Wiederholung der Geschichte

2. Dispositionenanalyse

 

 



 

 

1. Wiederholung der Geschichte. Die Echtheit der Reproduktion

 

Architektonische Rekonstruktionen wie das Berliner Schloss scheinen gegenwärtig notwendig zu sein. Stadtansichten sollen in ihren ‚echten’ und ‚wahren’ Zustand versetzt werden. Als Ideal wird willkürlich der Zustand einer historischen Zeitschicht gesetzt, nach dem sich die Rekonstruktion ausrichtet. Dieses Phänomen lässt sich nicht mit dem gängigen Verständnis der Authentizität beschreiben, die dem ‚Original’ huldigt. In mehreren Analysen zu ‚Wiederholungsbewegungen’ wie Historismus, Postmoderne und Wiederaufbau am Beispiel Schwabens wird eine ‚evozierende Authentizität’ ergründet.

 

Wiederholung der Geschichte gibt es nicht und doch ist sie omnipräsent. Aber allgegenwärtig sind nicht etwa sich wiederholende Ereignisse oder Menschen; sie lassen sich nicht replizieren. Gemeint sind Ästhetiken und Ideen. Sie können wiederholt werden. Das vermitteln die Bauwerke des Historismus, des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, der Postmoderne und des Wiederaufbaus nach der Deutschen Wiedervereinigung. Sie werfen prinzipielle Fragen nach gestalterischen Strategien auf: Was soll die Wiederholung einer verlorenen, nicht ‚zeitgemäßen’ Ästhetik? Darf man, soll man wiederholen? Das Stadtschloss in Berlin ist so eine ‚Wiederholung von Geschichte’. Es heisst: „Die Rekonstruktion müsse eine Lücke in der Stadtansicht füllen.“ Dort fehlt also etwas. Wenn etwas fehlt, dann ist der jetzige Zustand nicht richtig. Er ist falsch, nicht echt. Um richtig und echt zu sein, müßte folglich dieses ehemals gesprengte, dann abgetragene Bauwerk wiederholt werden.

Diese Argumentation ist erstaunlich. Echtheit und Wahrheit wird mitunter auf einzigartige, nichtwiederholbare Objekte angewendet. Ein Original ist dann original, wenn es eine verbindliche Geschichte hat, die belegt werden kann. Ein Bild ist dann ein ‚echter’ Dürer, wenn es eine Referenz zu dem Autor vorweisen kann, einen klaren Ursprung hat, sich Wechsel von Besitzverhältnissen nachvollziehen lassen, etc. etc. Authentizität bedeutet in diesem Sinne: Kann die Einzigartigkeit eines Objekts im Wandel der Zeit belegbar nachvollzogen werden, dann ist es authentisch. Eine Kopie eines solchen Objekts wäre notwendigerweise nicht echt und nicht authentisch, weil sie eine Wiederholung ist. Und doch werden Wiederholungen mit der Eigenschaft der Echtheit belegt, wie im Falle des Berliner Stadtschlosses oder des Dresdener Neumarkts.

Folglich scheint es zwei Arten von Echtheitskonzepten zu geben, die in diesem Habilitationsprojekt an Schwäbischen Architekturen in den Kontexten des Historismus, des Wiederaufbaus, der Postmoderne und der Rekonstruktionsbewegung nach der Wiedervereinigung untersucht und rekonstruiert werden. Die eine Authentizität ist eine ‚diachrone Authentizität’. Ihr Kennzeichen ist die Einzigartigkeit, die durch äußere Belege, beispielsweise Archivalien, generiert wird. Die andere Authentizität, die ‚synchrone Authentizität’, zeichnet sich durch Wiederholung aus. Sie synchronisiert in einer Zeit im diachronen Sinn Ungleichzeitiges. Ihre Echtheit entsteht durch eine innere Zuschreibung, das heißt, durch das Wissen des Betrachters, das Aufgrund eines Sinnesreizes dem Objekt hinzugespielt wird. Wenn Objekte dieses Wissen evozieren, ist es gleichgültig, ob diese Objekte original oder ‚lediglich’ Reproduktionen. Die synchrone Authentizität entsteht durch den Akt der Evokation. Insofern stehen Originale sowie Reproduktionen und Reproduktionen der Reproduktionen auf einer synchronen Authentizitätsstufe.

 

 


 

 

2. Was ist und was kann die Modifikationsanalyse?

Confessio:

Alle Kultur ist Gestaltung.

Alle Gestaltung ist ‚Umgang mit dem Gewordenen’.

In allen Texten findet sich der ‚Umgang mit dem Gewordenen’.

Durch die Art des ‚Umgangs mit dem Gewordenen’ stehen Texte ‚ineinander’.

Das Ineinander gründet auf der Intertextualität des ‚Umgangs mit dem Gewordenen’. Dieses Ineinander ist die Chance des guten Willens zum interdisziplinären Denken, um die Grenzen des Wissens zu überwinden.

 

 

Kurzdefinition

Die Modifikationsanalyse ist eine dekonstruktivistische Methode zur Textanalyse und Textinterpretation. Sie analysiert auf zwei Arten systematisch-logisch und unsystematisch-dialogisch eine funktional-gestalterische logische Ebene der Texte. Dafür verwendet sie eine bislang ungenutzte Art der Intertextualität. Sie beruht auf dem Umgang mit dem Gewordenen. Mit Gewordenem kann nur auf drei Arten gestalterisch umgegangen werden: belassend, überformend, überformend-belassend. Jede Gestaltung bedeutet eine Entscheidung darüber zu treffen, wie mit dem Gewordenen umgegangen wird. Jeder dingliche oder gedachte Gegenstand ist ein Gewordenes. Sobald ein Gestalter an ihn herantritt und überlegt, was er mit diesem Gewordenen anstellen möchte, hat er die Wahl zwischen drei Strategien: Belassen? Überformen? Überformend-belassen?

Jacques Derrida folgend ist alles, das analysiert wird, Text. Das bedeutet, keine Gegenstände der Außenwelt lassen sich analysieren, also mit Hilfe kognitiver Prozesse sezieren, wenn sie nicht zuvor sprachlich erfaßt wurden. Kunsthistoriker analysieren folglich nicht ein Bild, sondern ihre Beschreibung dieses Bilds. Deswegen hat Erwin Panofsky eine Ikonologie entwickelt, eine Methode, die Bilder nach einer strengen Systematik in Worte wandelt. Nicht nur Bilder, auch Texte eines anderen Autors müssen in Eigen-Texte transformiert werden, um sie analysierbar machen zu können. Insofern wäre Derrida zu präzisieren: Es gibt nichts außerhalb des Eigentextes, das zu analysieren und zu dekonstruieren wäre.

Nicht die Bedeutungsebenen dieser Texte können mit der Methode ergründet werden, dafür ist die Hermeneutik zuständig. Aber die funktional-gestalterische logische Dimension der Texte innerhalb ihrer Kontexte  zu entdecken, dafür eignet sie sich sehr wohl. Diese gestalterischen Funktionen eines Textes innerhalb seiner Kontexte entwickeln sich aus gestalterischen Aktivitäten. Eine gestalterische Aktivität gründet auf der Entscheidung für eine Strategie im Umgang mit einem Gewordenen. Wenn sich ein Mensch für eine dieser Strategien entscheidet, dann eröffnet er ein Spiel des Gestaltens, auf das in einem sozialen Kontext andere Menschen reagieren und ihrerseits auf das Gewordene mit einem Spiel antworten. Daraus lassen sich Regeln ableiten. Nahe an der Handlung befinden sie sich, das heißt, an dem motorischen Umgang mit der Außenwelt oder an dem kognitiven Umgang mit Gegenständen der Innenwelt. Sie erfassen somit eine Logik des Gestaltens, die in Texten vorliegt. Mit den Strategien des Umgangs mit dem Gewordenen liegen Intertextualitätsprinzipien vor, die kulturunabhängig sind, da sie einem Existenzbereich des Menschseins entstammen.

Die Modifikationsanalyse ist mitunter vor allem eines, eine dekonstruktivistische Beschäftigungsmaßnahme für Interpretierende. Jedes Verstehen eines Textes kann selbstverständlich nur durch eine Beschäftigung mit ihm erfolgen. Aktivität ermöglicht Verstehen. Bei der Modifikationsanalyse handelt es sich um eine systematische Beschäftigungsmaßnahme. Sie kann völlig systematisch-logisch mit Hilfe der klassischen Aussagenlogik und der Modallogik erfolgen. Sie kann aber auch wesentlich ästhetisch reizvoller unsystematisch-dialogisch mit einem methodischen Werkzeug betrieben werden, das auf der Intertextualität des Gestaltens beruht und Vergleich des Unvergleichlichen genannt wird. Die Methode leitet jedoch in beiden Arten der Beschäftigungsmaßnahmen mit gesetzten Fragen durch die Texte und zwingt die Interpretierenden, sich aus einer Richtung den Texten zu nähern, die sie gewöhnlich nicht einschlagen würden. Schon allein daraus wird fremd, was zuvor vertraut. „Was ist das Gewordene?“ „Wer ist der Gestalter?“ „Wie geht der Gestalter mit dem Gewordenen um?“ Diese Fragen richten sich auf den Umgang mit dem Gewordenen. Wer die Bestandteile eines Textes danach befragt, bekommt eine nicht nur für ihn, sondern auch für andere evidente Antwort. Auf diese fragende Art und Weise werden sogar vertraut geglaubte Texte ungewöhnlich unbekannt. Deswegen führt dieses Fragen zu einer Epoché, also zu einer Einklammerung der Vormeinungen. Die Vormeinungen werden in dieser Epoché nutzlos; sie verlieren ihren Wert und ihren Sinn, weil sie nichts mehr erklären und bewerten können, da alles, was ehemals als vertraut angesehen wurde, nun fremd ist. Die Fragen drehen die Texte, wenden sie, erzwingen neue Perspektiven auf Vertrautes. Auch führen sie zu Übereinstimmungen, Widersprüchen, zu wechselseitigen Abbildungen und letztlich zu einer widerspruchsfreien Rekonstruktion einer funktional-gestalterischen Logik der Texte.

Vor der Analyse war diese Logik unbewußt, vegetativ, entstanden aus der motorischen oder kognitiven Aktivität von Menschen. Elementar und bewußt oder unbewußt gilt für sie: Alle Kultur ist Gestaltung. Alle Gestaltung ist Umgang mit dem Gewordenen. Nach der Dekonstruktion durch die Dispositionenanalyse und der darauf folgenden Rekonstruktion ist sie eine bewußte Wiederholung der durch Aktivitäten, durch Umgang mit dem Gewordenen, erzeugten Textlogik (eine diférance).

Ein weiteres Element der Modifikationsanalyse, das ebenfalls eine (komparative) Epoché erzeugt, ist der erwähnte Vergleich des Unvergleichlichen, der einer erkenntnistheoretischenErwägung entspringt. In diesem Vergleich wird ein erkenntnistheoretisches Oxymoron konstruiert. Sie können aus unterschiedlichsten, scheinbar unvereinbarsten Bereichen stammen, um miteinander verglichen zu werden. Allerdings gibt es für diesen Vergleich des Unvergleichlichen eine Bedingung, wenn auch eine schlichte: Beide Gegenstände müssen denselben Umgang mit dem Gewordenen aufweisen. Wird diese Bedingung erfüllt, kann ein Gesetzestext mit einem Sampling in einem Musikstück verglichen werden. Es läßt sich auch eine Zubereitungsart einer Tomate mit der Restaurierung eines Altbaus vergleichen. Aus dieser Art des Vergleichs besteht die unsystematisch-dialogische Modifikationsanalyse. Der Vergleich des Unvergleichlichen bringt zusammen, was gewöhnlich nicht zusammensteht. In der Diskussion der beiden unterschiedlichen Betrachtungsgegenstände und dem gegenseitigen Sich-aufeinander-Beziehen kommen die Dispositionen in einer dialogischen Form zu Tage.

In dem Intertextualitätsphänomen der Modifikationsanalyse offenbart sich ihre Veranlagung, in der interdisziplinären Forschung eingesetzt werden zu können. Sie kann scheinbar fehlende Kupplungen der einzelnen Disziplinen durch den Umgang mit dem Gewordenen konstituieren. Dadurch stehen verschiedene Betrachtungsgegenstände unterschiedlichster Disziplinen ineinander. Zumindest eine interdisziplinäre Forschung zweiter Ordnung scheint problemlos mit der Modifikationsanalyse möglich zu sein.

 

Ziel

Die drei Strategien des Umgangs mit dem Gewordenen sind überschaubar, rational einfach handhabbar, sogar geradezu intuitiv verständlich. Sie eignen sich als operationalisierte Anwendungen für die Dekonstruktion. Die Operationalität der Modifikationsanalyse ist ein wesentlicher Unterschied zu Jacques Derridas Dekonstruktion.[1]

Ziel der Modifikationsanalyse ist die Aufdeckung von Spielregeln der Texte, die in Kontexten eingebettet sind.[2] Die Kontexte der Texte werden bestimmt durch Handlungs- und Wertesysteme, die wiederum Rückschlüsse auf soziale Funktions- und Interaktionsregeln zulassen. Auch geben sie Hinweise auf Weltbilder und Weltsichten, die ebenso regelmäßige, gestalterische Formationen sind. Auch die Kontexte liegen in einer der Gruppen des Umgangs mit dem Gewordenen. Sie sind damit immanent wichtig, um über die analysierten Texte zu urteilen und sie zu bewerten. Ihre Regeln zeigen in einem Kohärenzabgleich mit den Kontexten, wie sie zueinander stehen. Werturteile lassen sich daraus ableiten und auch mit der Oberfläche des Textes vergleichen. Aus dem Ineinander der Texte und ihrer Kontexte ergeben sich Text- und Kontextlogiken, die logische Gruppen bilden. Sie ließen sich auch epistemische Gruppen nennen, um einen Unterschied zur Episteme Michel Foucaults zu konstituieren. Die Modifikationsanalyse geht nicht von einer verpflichtenden Episteme aus, sondern nur von notwendigen, epistemisch-logischen Text- und Kontextgruppen, die ein System ausbilden. Sie lassen eine Vielfalt von Epistemen, also Epistemengruppen während einer Zeitschicht zu.[3]

 


[1] Jacques Derrida: Grammatologie, Schrift und Differenz, Engelmann, Derrida-Interview. Passagen Titel.

[2] Das hört sich zuerst nicht unterschiedlich zu Michel Foucaults Transformation der Dokumente in Monumente an, die er in der Einleitung zur Archäologie des Wissens beschrieb, um die „neue Geschichtswissenschaft“ zu definieren. Michel Foucault: Archäologie des Wissens, Frankfurt a. M. 1984. Und in der Tat geht es auch um Serien und Relationen, aber nicht um jene, die Foucault meint. Aber die Dispositionen folgen doch einem anderen Schema und vor allem einer Relation, die Foucault so nicht beachtet.

[3] Gegen Michel Foucaults Abkehr von der Vielfalt: Die eine episteme und die Möglichkeit einer Vielfalt. Dagegen Jean-François Lyotard: Postmoderne für Kinder, Wien 1987, S.30; allgemein Jean-François Lyotard: Das Postmoderne Wissen, Wien 1999.